Kasematten am Südring

Die Rastatter Kasematten

Vielen alten Rastattern sind sie ein Begriff, denn da „drunne“ waren sie schon als Kinder. Um die in der Tiefe des Erdreichs liegenden Festungsanlagen ranken sich denn auch einige Geschichten. Dazu gehört die nicht auszurottende Mär von einem unterirdischen Gang, der zum Schloss Favorite bei Förch führen soll.

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 Er wurde nie gefunden, doch nichts ist langlebiger als eine vertraute Überlieferung, von der schon der Grossvater erzählt hat. Manche Besucher, die zum ersten Mal draussen am Südring in die Unterwelt hinabsteigen, befällt beim Eintritt in die „Contreescarpegalerie“ (so die korrekte Bezeichnung) ein eigentümliches Gefühl. Die Weitläufigkeit der unterirdischen Anlage und die völlige Abgeschiedenheit von der Aussenwelt beeindrucken gleichermassen. Bange Fragen, meist von Seiten weiblicher Gäste, werden nach der Haltbarkeit der Gewölbe und nach dem Auftreten von Ratten und Mäusen gestellt und lassen ahnen, dass die betont forsche Haltung mancher Besucher nur vorgeschützt ist. Doch die einleitenden Worte des Kasemattenführers lassen die Zeit vor 150 Jahren wieder aufleben und etwaige „Bedenken“ sind rasch zerstreut. Anhand von Schautafeln erhalten die Gäste einen ersten Eindruck vom Ausmass dieser einst so mächtigen Bunde- und Reichsfestung. Der anschliessende Parcours durch die sog. Minengänge, die fast 150 Meter unter dem Glacis ins Vorland gehen, verlangt von den Teilnehmern schon eine gewisse Geschicklichkeit. Eine kurze Strecke ist nämlich nur 1,50 Meter hoch, und wer grösser ist, muss eben gebückt gehen. Diese ausgeleuchtete

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  Strecke bietet besonders Schulklassen ein ideales Terrain zum Gaudimachen. Danach geht es aber „ernsthaft” weiter. über 350 Meter lang erstreckt sich der Hauptgang mit seinen zugeschütteten Schiessscharten in Richtung Westen, und nur mit viel Phantasie gelingt es den Besuchern, sich den Festungsgraben vorzustellen, der jenseits der Mauer lag. Die anfangs in unregelmässigen Abständen erkennbaren Belüftungsschächte enden nach ca. 100 Metern und es wird beim Weitergehen offensichtlich, dass die hohe Luftfeuchte in diesem Bereich den Schautafeln zugesetzt hat. Doch sei´s drum! Tapfer marschieren die Besucher weiter und lassen sich vom Kasemattenführer die eine oder andere Gruselgeschichte aus der Festungszeit erzählen. Und es gibt deren viele! Nachdem der Gang zum x- ten Male abgebogen ist, drängt sich manchem die Frage auf, ob man denn unbeschadet den Ausgang wiederfinden könne. Doch die beruhigende Antwort des Führers lässt zaghafte Gemüter wieder hoffen, sodass sie zuversichtlich und forschen Schrittes auch die letzten gangbaren Meter hinter sich bringen. Da – plötzlich endet der Gang, ein Balken liegt quer über dem Pfad und im Halbdunkel erkennt man weiter vorn, dass da Geröll, (stimmt nicht mehr, es geht weiter, siehe unten) Schutt und sogar Wasser eingedrungen sind. Bis hierher und nicht weiter! Also heisst es umkehren und auf dem Rückweg ist wieder die eine oder andere Story aus dem Leben der Festungssoldaten fällig. Hier wurden nicht nur Geschichtchen, sondern auch Geschichte geschrieben! Wer mit der skeptischen Haltung herkam, eine Kasemattenführung sei uninteressant, wurde in Rastatt eines Besseren belehrt. So verabschieden sich denn die meisten Gäste mit den Worten: „Wir kommen wieder!“ Na also.

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Die Kasematten 1849

Die eben fertiggestellten Kasemattenräume der Festung Rastatt wurden 1849 zum Festungsgefängnis, und für die Inhaftierung der gefangenen Revolutionäre genutzt. Authentische Schilderungen der unmenschlichen Haftbedingungen in den feuchten und kalten Festungsgewölbe lieferten beispielsweise Hauptmann Wilhelm Dietz, Wilhelm Amann oder Otto von Corvin.

Bei den Schilderungen der Gefangenen – ein Schwerpunkt der Inhaftierung lag zunächst im Fort A, der Leopoldsfeste – werden einmal die Willkür der Sieger aber auch die körperlichen Langzeitschäden deutlich. Nicht nur bei den Standgerichten sondern auch bei Fluchtversuchen sind ab dem August 1849 zahlreiche Opfer zu beklagen. Am 20. August saßen in den Rastatter Kasematten noch 4000 Häftlinge; anfangs November nur noch 1300.
Quelle: Bild und Text R.Wollenschneider

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Contre-Escarpe um über 100 Meter erweitert

Man sollte es nicht glauben,


 doch die Festungsvergangenheit der ehemaligen Bundesfestung an der Murg kann bei Führungen jetzt um über 100 Meter begehbare, unterirdische Gänge erweitert werden. Seit Anfang des Jahres haben bei fast einem Dutzend Arbeitseinsätzen bis zu acht emsige Helfer pro Tag im Team des Historischen Vereins Enormes geleistet

Bei gut 18 Grad Celsius, permanent, und wenig günstigen Luftverhältnissen, waren „Knochenarbeiten“ auf Dauer angesagt. Da rann so mancher Schweißtropfen. Es ging darum, bisher im Dunkeln liegende Gänge der Contre-Escarpe-Galerie, zirka fünf Meter unter der Erdoberfläche am Südring, der Öffentlichkeit zugänglich zu machen und dabei als Nebeneffekt, Arbeitsspaß untereinander zu erleben.
„Wir haben manche Schubkarre mit Sand zur Bodenbedeckung des feuchten Ganges herangefahren“, bemerkt Projektleiter Dieter Wolf. Was in den vergangenen drei Jahrzehnten nicht möglich erschien: Kasemattenführungen werden noch attraktiver. Zum neuen Programm können neben den über 100 Metern neuer Strecke in der unterirdischen Galerie auch ein neues Kasemattengewölbe, wahrscheinlich ein Geschützraum, gehören.
Kein Riss an der Decke oder an den Wänden zeugen von der Meisterschaft der Festungsarbeiter vor über 150 Jahren. Allerdings werden noch einige Schubkarren an Sand in dem genannten, interessanten Raum von den „Ameisen“ des Historischen Vereins zu bewegen sein. Was Stadtführer Peter Hauns bei den Arbeiten entdeckt hat, könnte außerdem zukünftig zu einem Highlight bei Führungen in den neu erschlossenen Bereich der unterirdischen Gänge werden.

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Da hat doch tatsächlich ein Arbeiter um 1848 in die Stirnseite eines Backsteins aus den Lehmgruben im Bereich des heutigen Segelflugplatzes an der Baldenau einen Schlüssel mit nostalgischer Form eingedrückt


Deutlich wird wieder einmal auch das Baukastenprinzip in der Bundesfestung Rastatt. Denn die mit Buntsandsteinen als Basis und Backstein gemauerten Gewölbe verfügen über die sich stets wiederholenden Muster. Es finden sich Schießscharten und Pulverdampfabzüge für die „Wolken“ der abgefeuerten Vorderladergewehre.

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Nun das Gänge-Labyrinth zwischen Südring und Panoramaweg komplett erschlossen. Das Baugebiet ehemalige Leopoldsfeste markiert den Schlusspunkt weiterer unterirdischer Festungsexkursionen

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Text und Foto: R. Wollenschneider                                      21. Juli 2005

Wie die Franzosen die Festung Rastatt knacken wollten

Baron Maurice de Sellons Meisterstück
Kolorierte Stiche von 1850 aufgetaucht
 
„In Rastatt ist die Festung und das ist Badens Glück“, lautet eine Passage des Badner Liedes. 1842 wurde der Bau der Festung begonnen, um einen etwaigen Angriff aufzuhalten bzw. als Aufmarschplatz für 30000 Soldaten zu dienen. Natürlich war

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die Festung an der Murg mit über 400 Geschützen den Franzosen ein Dorn im Auge. Militärs befassten sich damit, wie die Bundesfestung zu knacken wäre. Dazu hat das Rastatter Stadtarchiv einen Angriffsplan der Artillerie- und Pionierschule in Metz von 1867 im Bestand. Pläne und Erläuterungen weisen darauf hin, dass ein französischer Angriff vom Süden gegen die Leopoldsfeste mit ihren trockenen Gräben erfolgt wäre.
Nachdem vor einigen Jahren Pläne von 1850 bei einer Auktion zur Bibliothek der Fürsten zu Fürstenberg in Donaueschingen aufgetaucht waren, kann man nun noch eine Steigerung vermelden. Greifbar sind nun drei handkolorierte Stahlstichkarten von Rastatt, mehrfach gefaltet auf Leinwand aufkaschiert. Es handelt sich dabei im Taschenformat um „Place de Rastadt“ (36x39cm, 9 Segmente), „Profile Festung Rastadt“ (50×64 cm, 20 Segmente) und „Rastadt Plan d’Attaques sur Fort A“ (60 x 58cm, 20 Segmente). Danach kannten die Franzosen dank Spionage schon 1850 die Feste an der schmalsten Stelle Badens in- und auswendig.
Zu verdanken ist diese Agenten-Meister-leistung dem Baron Maurice de Sellon, einem Schweizer Pionier-Offizier in französischen Diensten. Bereits 1845 hatte er ein analytisches Werk zu französischen und deutschen Festungen herausgegeben. Mit der badischen Revolution ab dem 12. Mai 1849 kam Sellons große Stunde. Dazu berichtet der Chronist Franz Mone. Ende Mai sei der Schweizer Maurice de Sellon von der Artillerieschule in Metz nach Rastatt gekommen und trat als Offizier in den Stab

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des Revolutionskorps ein. „Er copierte sich hier den Objekt plan der Festung Rastatt“, schreibt Mone. Sellon konnte Ende Juni 1849 die Festung verlassen und hat 1850 das Werk „La Fortress de Rastatt“ verfasst.
Die geheimen Pläne sind Stahlstiche, die bis ins Detail gehen. Im Festungs-Überblickplan sind die drei Forts mit den verbindenden Anschlüssen zu erkennen. Außerdem die Außenwerke, „Lunetten“ genannt. In Rot hat der Kolorierer die Gebäude markiert. Der zweite Profilplan zeigt Schnitte, ober- und unterirdisch, durch die Leopoldsfeste, dem Angriffsziel. Schließlich zeigt das dritte Großformat optisch, wie in Schritten das Annähern an die Festungswälle erfolgt wäre.
Sellons Pläne waren so ausgereift, dass auch die Amerikaner auf seine Studien zurückgriffen. In einer Vorlage für das US-Repräsentantenhaus von 1860 griff Richard Delafield auf den Übersichtsplan des Maurice de Sellon zurück und versah ihn mit englischen Erläuterungen.
Jedenfalls der jüngste Fund zu Rastatts Festungsgeschichte ist ein optischer Leckerbissen, der die Meisterschaft der Stecher und Kolorierer im 19. Jahrhundert untermauern kann.
Bild: Kolorierte französische Angriffspläne auf die Festung Rastatt von 1850 sind aufgetaucht.

Text u. Foto: Wollenschneider 
15:18 06.06.2018

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