Wer kennt Rastadt bei Odessa?

Die deutsche Kolonie Rastatt (Rastadt) in der Ukraine

In der Berichterstattung über den Krieg in der Ukraine fällt neuerdings auch der Name Odessa, und berichtet wird von Zerstörungen in der Umgebung dieser Hafenstadt. Wer sich mit der Auswanderung nach Russland befasst hat, wird wissen, dass sich dort einst zahlreiche deutsche Kolonien befanden, darunter auch etwa 130 km nördlich von Odessa ein Ort namens Rastadt. Die Bewohner und ihre Nachkommen werden als Schwarzmeerdeutsche bezeichnet, und ihr Schicksal ähnelt dem der Volksdeutschen von der Wolga, aus Sibirien oder Wolhynien.

Nach den Anwerbungen der Zarin Katharina wurden Anfang des 19. Jahrhunderts unter Zar Alexander I. erneut Siedler gesucht, die die von Russland eroberten Gebiete, das Grenzland (=U-krajin) zur südrussischen Steppe kultivieren sollten. Aufgrund der napoleonischen Kriege war die Bevölkerung im Südwesten Deutschlands verarmt und die Auswanderung nach Südrußland bot wirtschaftliche Perspektiven. So machten sich Familien aus dem Elsass, Baden und der Pfalz auf gen Osten und gründeten Kolonien, denen sie Namen aus der Heimat  gaben: Seltz, Mannheim, Darmstadt, Speyer u.a.  Die Kolonien entwickelten sich gut, denn die fruchtbaren Böden der Südukraine brachten gute Ernten und damit Wohlstand. Landwirtschaft, Obst- und Weinbau waren die Lebensgrundlagen der Kolonisten. 

1872 erbaute kath.Kirche St. Franziskus
1872 erbaute kath.Kirche St. Franziskus

Die Kolonie Rastadt wurde 1809/10 gegründet von  14 Familien aus Rastatt und 8 Familien aus Ettlingen, die übrigen kamen aus Bayern, der Pfalz und der Kurpfalz sowie 22 Familien aus dem  Elsass. 1812 wurde die erste katholische Kirche gebaut, die 1872 durch die neuerbaute Kirche St. Franziskus ersetzt wurde. Damals gehörte Rastatt zum Beresaner Gebiet bei der Stadt Cherson.

Es finden sich Familiennamen wie Gartner, Koffler, Deibele, Frey, Heck, Wandler in Rastadt; die Namen der Auswanderer sind im Stadtarchiv Rastatt registriert.

Durch den erstarkenden Nationalismus auch im Zarenreich wuchs der Anpassungsdruck auf die deutschen Siedlungen. Privilegien wie Freiheit vom Militärdienst wurden abgeschafft und viele deutsche Kolonisten zogen es vor, Russland zu verlassen. Ende des 19. Jahrhunderts entstand in Kanada, Provinz Saskatchewan ein Ort namens Rastadt und auch in Kasachstan gründeten Familien aus Südrußland 1909-1910  ein neues Rastadt.

Der erste Weltkrieg, in dem sich Deutsche und Russen als Feinde gegenüberstanden, brachte die Schwarzmeerdeutschen in eine schwierige Lage, dann folgten die Revolution und die Zwangskollektivierung unter Stalin. Die künstlich herbeigeführte Hungersnot ausgerechnet in der Kornkammer Russlands dezimierte auch die Zahl der deutschen (wohlhabenden) Bauern, die als Kulaken gegen den Kommunismus waren. 1941 begann mit dem Einmarsch der Wehrmacht in Russland der zweite Krieg. So wie die Wolgadeutschen wurden auch die Schwarzmeerdeutschen durch die russische Regierung nach Osten (Kasachstan) deportiert. Diejenigen, die in der Heimat bleiben konnten, kooperierten mit der deutschen Besatzung der Ukraine, z.B. bei der Auslieferung von Juden. Volkskundler wie Johannes Künzig, der das gleichnamige Institut für osteuropäische Volkskunde in Freiburg gegründet hat, bereisten die deutschen Dörfer der Ukraine und erforschten Dialekt, Kultur und Traditionen der Deutschstämmigen. Die Niederlage von Stalingrad 1943 brachte die Wende im deutschen Angriffskrieg, und die  Schwarzmeerdeutschen wurden, um sie vor der vorrückenden Roten Armee zu schützen, in Zügen und Trecks in das Land an der Warthe östlich der Oder umgesiedelt. Dort kamen sie bei Deutschen unter oder übernahmen Gehöfte vertriebener Polen. Im Winter 1944/45 flohen viele der Umgesiedelten erneut, nun nach Westen; wer jedoch den Sowjets in die Hände fiel, wurde zu Zwangsarbeit verurteilt und verschleppt. Nach Stalins Tod erlaubte die allgemeine Amnestie den Überlebenden, ihre Familien zu suchen und sich in anderen Teilen der Sowjetunion niederzulassen; in das Schwarzmeergebiet durften sie allerdings nicht zurückkehren.

Dem Internet ist es zu verdanken, dass wir über Rastadt einige Kenntnisse und sogar Bilder haben. Meist sind es Nachfahren von weltweit verstreuten Schwarzmeerdeutschen, die nach ihren Wurzeln und Verwandten suchen. So ist von Rastadt ein Ortsplan von 1944  zu finden, der Straßennamen wie Kreuzgasse und Kotlettlegäßle nennt. Eine Straße führt in das Nachbardorf München; die Münchner seien sogar nach Rastadt in die Kirche gegangen, weil sie keine eigene hatten, erfährt man. Damals hatte Rastadt 2300 Einwohner. Danach soll der Ort vollkommen zerstört worden sein. Die an der Stelle von Rastadt am Fluß Tschichikleya neuerbaute Stadt heißt heute Poritschtschja und gehört zum Gebiet Mykolajiw. Reiseberichten zufolge fanden sich in den 1990er Jahren dort noch Häuser aus dem alten Rastadt der „deutschen“ Zeit und sogar auf dem Friedhof Grabsteine mit deutscher Inschrift.

Textfeld: ASicherlich waren unter den Rußlanddeutschen, die in den 1990er Jahren in das badische Rastatt kamen, auch Menschen aus Rastadt bei Odessa sowie aus Dörfern der Umgebung wie Großliebenthal oder Darmstadt. Die meisten Älteren leben nicht mehr, doch denjenigen, die als Kinder des Schwarzmeergebiets den Weltkrieg überlebt haben, dürfte der gegenwärtige Krieg in der Ukraine besonders nahe gehen -trotz der Entfernung.

Rastatt, 8.6.2022
Dr.Irmgard Stamm

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