Lilia hat mir den Krieg erklärt !!

Eigentlich wollte ich sie nur fragen, ob sie mit ihren Russischkenntnissen bei der Betreuung von
Flüchtlingen aus der Ukraine helfen will, da waren wir schon mittendrin im Thema.
Wenn es einen dritten Weltkrieg gibt, dann ist Putin schuld, sage ich, doch sie schüttelt den Kopf: wenn der Westen ruhig bleibt, passiert nichts.
„Und die Raketen an der polnischen Grenze? Da kann doch leicht etwas daneben gehen?“ Lilia klärt mich auf: das ist wegen der Terroristen, die aus Polen in die Ukraine reisen, der Westen schickt sogar Kriminelle hin. Das muß die russische Armee verhindern.“
Warum die Russen überhaupt angegriffen hätten? „Sie mußten, denn die Ukraine hatte für zwei
Tage später den Angriff auf die Ostgebiete geplant.“
Das wusste ich nicht, gebe ich zu. „Ihr wißt vieles nicht! Euch erzählt man nur eine Seite!“ Als Deutschland 1990 die DDR bekommen habe, da hätten sie alle unterschrieben, dass die NATO nicht nach Osten vorrückt, sie hätte es aber trotzdem gemacht. Aber, wende ich ein, die baltischen Staaten, die Polen und Tschechen haben sich doch freiwillig für das westliche Bündnis entschieden. Sie wollten eben nicht mehr unter den Russen leben, „so wie Du ja auch weggegangen bist….“, füge ich hinzu. – „Damals war Putin noch nicht und Rußland war ganz unten“, sagt Lilia.
Sie lebt seit 28 Jahren in Rastatt, ist Russin geblieben, hat sogar die Söhne in russisch-orthodoxer Religion erzogen. „Und warum seid Ihr in Deutschland geblieben, als es in Rußland aufwärts ging?“ Zugegeben, das war ein bißchen provokant von mir.
„Wir haben Haus gekauft, Kinder waren in der Schule… das gibt man nicht so leicht auf.“
Geblieben sind Kontakte mit Verwandten in Rußland, russische Nachrichten und der Glaube an
Putin: „Er hat immer Wort gehalten, aber NATO hat gelogen,“ ist Lilia überzeugt. Zwanzig Jahre
lang habe Putin zugesehen, doch als auch die Ukraine sich Europa zuwandte, mußte er handeln.
„Nur mit Gewalt kann Rußland herrschen,“ wende ich ein und bringe die zerstörten Wohnblocks
und Krankenhäuser ins Gespräch, die Angriffe auf Flüchtlingskolonnen ….
“Bilder kann man manipulieren“, weiß Lilia auch darauf eine Antwort, und sie ist sicher, dass die Ukrainer selbst Häuser anzünden und das den Russen in die Schuhe schieben. Und die Sanktionen?
„Die spüren wir gar nicht“, meint Lilia, ohne zu merken, dass sie gerade „wir“ gesagt hat.
Bevor sie mir klarmacht, welche Nazis in der Ukraine am Werk sind, komme ich auf meine Ausgangsfrage
zurück. Natürlich werde sie Geflüchteten aus der Ukraine helfen. „Vor allem den Kindern, damit sie
sehen, dass Russen gute Menschen sind,“ setzt Lilia dazu und tritt den Heimweg an, in Richtung
Rheinau.
Ein bißchen ratlos bleibe ich zurück. Ich sehe unsere Zeitung, das Radio, den Fernseher und fühle
mich so richtig westlich desinformiert. Lilia dagegen hat, so wie viele ihrer Landsleute, die in den
1990er Jahren zu uns kamen, den klaren, unverstellten Blick; nur sie kennen die wahre Lage im
Osten – aus sicherer Ferne, versteht sich. Uns bleibt wohl nur das Eingeständnis: Das haben wir
damals nicht gewußt. Wir armen Ahnungslosen!

Rastatt, 15.3.2022
Dr. Irmgard Stamm

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