Fackelführung am Cavalier I

Fast schon Tradition hat die Fackelführung, die der Historische Verein Rastatt am vergangenen Sonntagabend geboten hat und die zahlreiche Gäste, darunter Kinder, an den Südring lockte. Bei einer Kurzführung durch das Cavalier 1, das weder ganz fertig noch offiziell eröffnet ist, erhielten die Interessierten einen Eindruck vom Gefängnis für die Freiheitskämpfer von 1849. Michael Lochbühler-Stamm verlas den Bericht eines damals Inhaftierten, danach zog die Gruppe mit brennenden Fackeln feierlich zur Erschießungsstätte vor der Flankenbatterie. Roland Walter sang zur Gitarre das Robert-Blum-Lied und im Innenhof des Bermengebäudes gedachte man der letzten drei Standrechtsopfer vom 20. Oktober 1849.

Einer von ihnen war Friedrich Wilhelm Schrader aus Mansfeld, der Heimat Martin Luthers. Er war aus der 8. preußischen Artillerie-Brigade desertiert und hatte sich der Revolution angeschlossen, trat in die Pfälzer Volkswehr ein und war an mehreren Gefechten beteiligt. Am 10. August 1849 bereits verurteilte ihn das Standgericht, doch hielt man auch Schrader noch bis zum 20. Oktober in den Kasematten gefangen. Auch er verbrachte seine letzte Nacht hinter diesen Mauern und fiel um 7 Uhr morgens durch die Kugeln seiner Landsleute.

Im Bermengebäude verbrachten die Verurteilten ihre letzte Nacht, schrieben Abschiedsbriefe und durften nocheinmal mit einem Pfarrer sprechen. Außerdem bekamen sie ihre „Henkersmahlzeit“, vielleicht eine Flasche Wein und etwas Tabak. Im Morgengrauen kam das Exekutionskommando und vollzog das Urteil des Standgerichts.

Weil von Schrader kein Abschiedsbrief erhalten ist, verlas das Vereinsmitglied Dominik Schnurr stellvertretend den Brief des jungen Konrad Lenzinger aus Durlach an seine Angehörigen. Lenzinger war im benachbarten Cavalier 1 eingesperrt gewesen, wovon die Gefangenenliste unter Nr.45 zeugt. Ihm legte man zur Last, die Niederbühler Kirche in Brand geschossen zu haben. Als Kommandant der Bastion 30 mußte er buchstäblich dafür den Kopf hinhalten, obwohl er zu dem Zeitpunkt der Beschießung gar nicht kommandiert hatte. Lenzinger war erst 24 Jahre alt und wurde Opfer eines  Justizmordes, den die Preußen hier willkürlich verüben konnten.

Passend dazu brachte Roland Walter das Badische Wiegenlied zu Gehör, abschließend auch das damals populäre Lied von Ferdinand Freiligrath „Trotz alledem“.

Der Historische Verein hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Reste der Bundesfestung Rastatt für die Nachwelt zu erhalten. Seit 2014 wird immer im Oktober bei abendlichem Fackelschein an Menschen erinnert, die 1848 und 1849 mutig für ihre Ideale eingetreten sind und dafür mit Gut und Blut gebüßt haben. Sie waren Vorkämpfer für die Grundrechte, die wir seit 1949 – bis heute-  selbstverständlich genießen. Im Sommer 1849 fanden in Baden die ersten allgemeinen Wahlen statt, d.h. alle erwachsenen Männer durften Abgeordnete zur konstituierenden Landesversammlung in Karlsruhe wählen. Das war neu, denn 1848 bei den Wahlen zum Paulskirchenparlament hatten Wahlmänner ihre Stimme abgegeben. Baden war also das erste (männlich-)demokratische Land auf deutschem Boden – wenn auch nur für ganz kurze Zeit.

Die Errungenschaften von 1848/49 gelte es hochzuhalten, betonte Vereinsmitglied Irmgard Stamm, und auch den Menschen, zu vermitteln,  die nach Deutschland einwandern. Statt amerikanische Halloweenumtriebe nachzuäffen solle man sich lieber den Geist zu eigen machen, der hier vor über 170 Jahren herrschte, und sich bei dem gruseln, was damals mit den Freiheitskämpfern geschah. „Sie sind angetreten für Einigkeit und Recht und Freiheit, nicht für rechten oder linken Terror und nicht für die Scharia“, betonte Stamm, bevor sie die Geschichtsinteressierten in den Abend verabschiedete.

Rastatt, 24.10.2021

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