Blick zurück ins Dörfel, der Ludwigvorstadt

Rumpelburgturm als Gartenhäuschen

Kanalisation erst vor über 100 Jahren angegangen

Rastatt(rw). Ein Bericht von R.Wollenschneider .
Immer wieder staunt man, welche plötzlich aufgetauchten Bilddokumente, Marksteine in der Rastatter Stadtgeschichte belegen können. So auch geschehen mit einer gelaufenen Ansichtspostkarte aus dem Jahr 1916, die eine wertvolle Momentaufnahme darstellt. Zu verdanken ist sie „Wehrmann“ Rieger aus Mosbach, der im Ersten Weltkrieg im Infanterie-Regiment 14./22. in Rastatt diente und seiner Mutter die Karte geschickt hatte.
Die gesamte Szenerie zeigt eine Soldatengruppe während einer Essenspause um das Jahr 1916. Lokalisieren lässt sich das Ganze auf einen Ort in der Ludwigsvorstadt, dem Dörfel, in der Bleichstraße. Das Leben mit und von den Soldaten war in diesem Stadtteil angesagt. Dort hatten die Regimenter 30, 25 (Die Lützower) und ab 1910 die 40er (Hohenzollernfüsiliere) ihre Kasernen.

In zahlreichen Wirtschaften (in Rastatt gab es um 1910 über 80) verbrachten die einfachen Soldaten der Garnison ihre Freizeit. So auch in der „Restauration Alois Dyhlin“, die auf der Postkarte auszumachen ist. Die Wirtschaft mit eigener Brauerei wurde 1919 „Zum Frey“, in Anlehnung an den neuen Besitzer Georg Frey. Im Hintergrund des Bilddokuments sind noch die damals vorhandene und 1926 abgerissene Sägemühle am Gewerbekanal und die Silhouette der Gleisle-Mühle auszumachen.

Etwas Besonderes ist ganz links auf der raren Ansichtspostkarte auszumachen: ein angeschnittener Turm, der zuvor auf der Rumpelburg, einer Romantikruine (am heutigen Panoramaweg), zu finden war. Die Rumpelburg wurde 1901 vom Verschönerungsverein errichtet. Der Fachwerksturm verschwand allerdings schon wieder um 1910. Bauunternehmer Degler hatte den abgebauten Turm auf seinem Grundstück zum exklusiven Gartenhäuschen gemacht.

Die ganze betrachtete Szene wurde um 1916 von einem unbekannten Fotografen im Garten der Familie, Josef-/Bleichstraße, „geschossen“. Dabei war das Gelände der Firma Degler vorübergehend Lagerplatz für die Leitungsrohre der neuen Kanalisation. Nach Stadtarchivar Oliver Fieg wurde die moderne Kanalisation des Dörfels erst Ende des 19. Jahrhunderts beginnend installiert. Grundlage waren die Pläne von Reinhard Baumeister.

Nach Oliver Fieg wurden die Abwässer unbearbeitet bis 1897 in den Gewerbekanal bzw. den Oosbach abgeführt. Rastatt erhielt auch erst 1913 eine Kläranlage. Allerdings, so Fieg, waren die links der Murg liegenden Stadtteile nicht angeschlossen. Was das Militär im Dörfel anging, so war man bei den vielen stationierten Soldaten an einer Entwässerung interessiert. Deswegen waren wohl Soldaten dabei, als schon früh Entwässerungsgräben bzw. -kanäle angelegt wurden.

Bild: Eine sehr seltene Ansichtspostkarte, die 1916 nach Mosbach gesandt wurde, enthält manches interessante Detail zum Dörfel vor über 100 Jahren.

Foto: Sammlung Wollenschneider

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