Aspekte zur ehemaligen Barockresidenz

Warum hat der Jupiter einen Vogel?
So goldig ist der Goldene Mann

Ein Beitrag von Rainer Wollenschneider

Rastatt(rws). Zwei historische Aufnahmen vor über 100 Jahren eines Rastatter Soldaten bzw. einem Zivilisten, „geschossen“ vom Fotografen Eduard Heid, regten den Wissensdurst an. Und zwar auf der Rückseite der CDV-Portrait-Kartonbilder wurde das Schloss in einer ungewohnten Ansicht abgebildet: Der bekrönende Goldene Mann fehlt, dafür ragen zwei Türme links und rechts in den Himmel.

Die Rückseite eines Fotos von Eduard Heid zeigt eine ungewöhnliche Ansicht des Rastatter Schlosses.

Tatsächlich war es nach 1699 so, dass die Dachkonstruktion des Schlosses ausgetauscht wurde und die zuerst freistehenden, sternen-bekrönten Türme dann auf dem Dach weitgehend verschluckt wurden. Was wirklich vor dem goldenen Jupiter bis 1722 das Dach bekrönte, bleibt fraglich. Da ist von einer großen Urne aus „Matteri und Stein“ die Rede, dann wieder von einem Kreuz. Die Medaillen zum Rastatter Frieden von 1714 zeigen durchgehend eine Ruhmesgöttin, eine Fama, auf der höchsten Stelle des Schlosses.

Medaillen zum Rastatter Frieden von Ruhmesgöttin über dem Schloss.

Seltsam, dass vor der Errichtung des Golden Mannes kein verwertbarer Stich greifbar ist, der das Rätsel lösen könnte. Dafür interessiert der Goldene Mann aus der Augsburger Vogelhund-Werkstatt. Er stellt ja den Göttervater Zeus/Jupiter dar, der zwei seine Blitzbündel gegen den im 18. Jahrhundert noch selbstverständlichen Erbfeind Frankreich schleudert. Die barocke Symbolik untermauert ein Adler zu Füßen der Jupiterstatue.

Wenn auch der Göttervater bei seinen Verwandlungen auch einmal in diese Gestalt schlüpfte, so war der Adler sonst der „Jupiter-Assistent“. So wie er dem Prometheus als Strafe für das Überbringen des Feuers an die Menschen, die Leber stückchenweise herauspickte, sollte es wohl symbolisch auch mit den französischen Feinden damals geschehen.

Da fragt man sich beim hohen Symbolgehalt barocker Zeiten, für wen steht denn der Jupiter auf dem Schlossaltan? Zunächst würde man annehmen, es müsste der titulierte „Retter des Abendlandes“, Markgraf Ludwig Wilhelm, sein. Aber die projizierte Rolle des Göttervaters maß er sich doch nicht an. Vielmehr verewigte man wohl die Autorität des Kaisers Leopold.

Das belegen auch die Deckengemälde in den Treppenaufgängen des Rastatter Schlosses. Dort wird optisch deutlich, wie der Kriegs-Brandstifter Ludwig XIV. als Phaeton vom Retter der Welt, Kaiser Leopold, als Jupiter bestraft wird. In welcher Rolle sah sich nun der Markgraf Ludwig Wilhelm, der nach der Schlacht von Slankamen 1691, titulierte „Türkenlouis“?

das letzte Vergolden des Jupiters auf dem Schlossdach vor 10 Jahren.

Das zentrale Deckengemälde im Ahnensaal der ehemaligen badischen Hauptstadt bis 1771 gibt Auskunft. Dort ist es Halbgott Herkules in der Person des Markgrafen, der nach seinen Heldentaten in den Götterhimmel aufgenommen wird. Eine klare Anspielung auf den damaligen Schlossherren Ludwig Wilhelm bis 1707.

Da stellt sich die Frage abschließend, wie goldig ist der Goldene Mann? Vor zirka 10 Jahren wurden beim letzten Vergolden 3475 Seiten mit Blattgold aufgetragen. Da 1000 Gramm, 20 Gramm Gold ausmachen, wurden 70 Gramm Gold auf der 4,20 Meter hohen Statue aufgebracht. Bei den damaligen Goldpreisen, eine ökonomische Investition.

Voller Symbolgehalt ist die Statue des goldenen Mannes auf dem Schlossdach

Text und Bilder : R.Wollenschneider

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