Die Gaststätte „Eisernes Kreuz“

Ein Bericht von Dr.Irmgard Stamm 30.Juni 2020

„ So eine urige Kneipe gibt’s net nochemol“ schwärmt der Rastatter Musiker Attila Schumann, und wer das „Eiserne Kreuz“ kennt, stimmt zu. Viele alteingesessene Bürger Rastatts haben das Lokal am Rande der Georgenvorstadt, das sich nahe der Schließbrücke hinter den Murgdamm duckt, noch nie von innen gesehen- wie die ältere Rastatterin, die angeblich hier jeden Stein kennt, doch „in so´ere Beiz noch nie“ gewesen ist. Oder sie haben es bewußt gemieden, denn der Ruf des EK war nicht immer der beste, es galt zeitweise als „verrucht“, mit übelbeleumdetem Publikum. Fest steht: das alte Wirtschäftle ist ein Unikum, ein Relikt aus dem „Kalabrich“ längst vergangener Zeiten.

Wer das Haus betritt, merkt gleich, dass in dieser Einraumkneipe fleißig geraucht wird und wundert sich als nächstes, wie geräumig der Gastraum totz niedriger Decken ist. Mitten im Raum ein Ofen mit langem Rohr, die Holztheke mit Schnitzereien verziert, gußeiserne Säule, holzgetäfelte Wände und ringsum zahllose Kleiderhaken; denn früher hängte man „sich“ da auf, wo man saß. Auch ein Tischkicker steht im Eck mit echten Holzfiguren, ein Dartboard, Musikbox und Geldspielautomat – alles hat Platz und sogar ein Nebenraum ist vorhanden. Auf erhöhtem Podest der Stammtisch gleich neben der Theke, an der Wand eine Sparkasse für die Kartenspieler und nicht zu vergessen: jede Menge Wimpel, Fanartikel vor allem vom Hamburger SV sowie eine Sammlung von Pokalen. Der Küchentrakt, offenbar nachträglich in den Hof gebaut, ist separat, ebenso die sanitären Anlagen „jenseits des Ganges“. Die Herrentoilette erinnert ein wenig an die Latrinen der Festung, daneben sieht man, wie früher üblich, Reste eines Viehstalls. Aus dem idyllischen begrünten Innenhof führt eine Stiege in die oberen Wohnräume. Es handelt sich eben um eines der letzten vollständigen Gehöfte samt Scheuer, wie sie typisch waren für das Kalabrich ebenso wie für die Rastatter Ludwigs- und Augustenvorstadt mit ihrem dörflichen Charakter.

Der Gasthof blickt auf eine lange Tradition zurück: 1877 wurde er von Karl Josef eröffnet, zwei Jahre später erwarb der Bierbrauer N. Schneiderbacher [?] die Konzession für das „Eiserne Kreuz“. Nach mehreren Wirtewechseln wurde das Lokal 1974 von Hans Stürzl übernommen, nach dessen Tod führte ab 1990 der aus Hamburg stammende Hans-Peter „Pedro“ Macketanz  die Wirtschaft zusammen mit Stürzls Witwe Johanna „Hanni“ weiter. Pedro, selbst ein sog. Fischkopf, brachte eine hanseatische Note in das Eiserne Kreuz, baute den Nebenraum im Stil einer Hafenkneipe aus und servierte selbstgeräucherte Forellen und Aale. Unter seiner Regie ging es im EK oft hoch her, wie Hanni, die Wirtin, mit leuchtenden Augen berichtet: von Faschingsfeiern, die drei Tage dauerten, wie die „Guggelesmusiker“ und „Schachtelbachkracher“ in selbstgenähten Kostümen als „Moosköpfe“ bei Umzügen mitgelaufen sind und von anschließender Hexenverbrennung an der Murg. Bei Geburtstagsfêten wie zu Pedros 70. ließ man es so richtig krachen. Karaokeabende, Spanferkelessen und Dartturniere – alles sorgte für reichlich Bierkonsum und die Wirtschaft brummte. Sogar eine Fußballmannschaft habe der Stammtisch auf die Beine gebracht und bei keinem Merrettichcup in Niederbühl gefehlt.

Ansonsten war das EK eine Nachbarschaftskneipe, man traf sich zum Kartenspielen, trank sein Bier und unterhielt sich ein bißchen. Auf den schlechten Ruf des EK angesprochen, betont Hanni, die Stammgäste seien „Schaffer“ gewesen, Drucker, Fernfahrer, Bauarbeiter – Arbeiter eben, dagegen kaum Sozialdemokraten, wenn auch heftig politisiert wurde. Doch mit der Zeit seien die trinkfesten Dauergäste, die jeder Wirt zum Überleben braucht, verstorben, der harte Kern schwand und seit Pedros Tod vor zwei Jahren ging es stetig bergab mit der Gästezahl.  An manchen Tagen, sagt Hanni, habe es sich nicht gelohnt, den Ofen anzumachen, und ihre Küche war sowieso schon lange kalt.

Da nützte es auch nichts mehr, dass eine Initiative von Fans das kultige Ambiente über die Zeit retten wollte. Attila Schuhmann, der schon in früheren Jahren im Eisernen Kreuz mit Pedro Gitarre gespielt hatte, trat ein paarmal auf und sorgte für Stimmung. Im Januar gab es einen launigen Abend mit Seemannsliedern zum Mitsingen, bei dem auch Stadtrat Roland Walter und Klaus Winterhoff mit von der Partie waren und der sich in dieser (Hafen-)Kneipe sehr gut machte. Und weil´s den Leuten gefiel, standen für das nächste Mal Arbeiter- und Handwerkerlieder auf dem Programm, was genauso zünftig wäre – doch dazu kam es nicht mehr. Wegen „Corona“ sind seit März die hölzernen Fensterläden vom Eisernen Kreuz immer geschlossen.

Für immer? Geht da ein weiteres altes Traditionslokal verloren, wie zuvor der „Ritter“, das „Grüne Haus“, der Rappen, Salmen, Drachen, die Fortuna und und und? Immerhin ist das Eiserne Kreuz denkmalgeschützt – zumindest die Fassade, der Rest ist ein Sanierungsfall. Wohltuend hebt sich das gewachsene Ensemble von den vielen gesichtslosen, weltweit austauschbaren Würfelbauten ab, die überall aus dem Boden schießen.

Und denjenigen, die an dem Wirtshausschild “Eisernes Kreuz“ Anstoß nehmen und dahinter einen „Nazitreff“ vermuten, sei folgendes mitgeteilt:

Das Eiserne Kreuz wurde 1813 vom preußischen König Friedrich Wilhelm III. als Tapferkeitsorden in den Befreiungskriegen gegen die napoleonische Besetzung gestiftet und in den späteren Kriegen als militärisches Verdienstzeichen beibehalten. Nach dem Sieg über die Franzosen errichtete man 1821 an der höchsten Stelle Berlins ein Nationaldenkmal, dessen Spitze das Eiserne Kreuz bildet. Nach diesem nannten die Berliner den 66 m hohen Hügel „Kreuzberg“, der dem Stadtteil seinen Namen gab. Und so ist auch ein bißchen Hauptstadtflair im Rastatter Kalabrich vertreten – noch!

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