Buchhändler Wilhelm Hanemann konservierte Stadtgeschichte

150 Jahre alte CdV’s als Fundgrube
Wandel in Rastatter Kaiserstraße dokumentiert
Ein Bericht von R.Wollenschneider

Rastatt(rw). Ein großer Publikumserfolg war im Jahr 2012 die Ausstellung zu 100 Jahren Fotografie in Rastatt von 1850 bis 1950 im Stadtmuseum. Ein wichtiges Element dabei auch im ausführlichen 115-seitigen Katalog sind die CdV (Carte de Visite), auf Karton fixierte Fotos von Personen im Format von 6 auf 9 Zentimetern. Während die Dokumentation zur Präsentation zahlreiche Rastatter, gerade Mitglieder der Garnison, zeigt, ist nun  auch eine seltene, frühe fotografische CdV-Serie mit Motiven der Innenstadt vor zirka 150 Jahren greifbar.

Zu verdanken ist die konservierte Stadtgeschichte dem geschäftstüchtigen Buchhändler Wilhelm Hanemann, der 1845 von Niedersachen kommend, in der Stadt an der Murg eingebürgert wurde. Er übernahm die Hofbuchhandlung, schließlich Am Marktplatz N°155, heute Kaiserstraße 21, von Albert Knittel. Etwas Besonderes war damals die etablierte Leihbibliothek und die Bezirksagentur einer Feuerversicherungs-Gesellschaft.

Doch nicht nur mit Literatur erreichte Wilhelm Hanemann das Rastatter Publikum, sondern auch mit optischen Leckerbissen. Dazu gehörte ein Blatt mit sechs Rastatter Motiven (Stahlstiche), die in Nürnberg gefertigt wurden und auch hinterher als Postkarte vermarktet wurden. Hanemann lieferte 1866 ein vom Landschaftsmaler C. Hertzog angefertigtes Panorama von Rastatt vom Wasserturm aus in beeindruckenden Dimensionen. Bevor der rührige Buchhändler aus der Kaiserstraße 1886 starb, widmete er sich auch der neuen, eben aufstrebenden Fotografie mit Verkaufsanreiz.

Ein beauftragter Fotograf hielt als attraktives Souvenir für das neue Medium Stadtansichten im Miniaturformat fest. Natürlich durften das Schloss mit dem damals begrünten Innenhof, die Stadtkirche St. Alexander und das Schlösschen Favorite vor den Toren Rastatts nicht fehlen. Eine Momentaufnahme vor etwa 150 Jahren ist der Blick auf die Badener Brücke. Im Hintergrund die wuchtige, längst verschwundene Wirtschaft „Zum Großherzog“. Daneben das ebenfalls seit vielen Jahren abgerissene „Wolffsche Badhaus“, ein Volksbad seit 1805, mit damals „siebzehn Baadstübchen“.

Von hohem Erkenntniswert für den Wandel in der Innenstadt, was in der Kaiserstraße festgehalten wurde. Die Gebäude sind noch nicht, wie nach der Aufhebung der Festung 1890, aufgestockt, fast durchgehend zweistöckig. Besonders zum Wundern trägt eine CdV mit dem Platz vor der Fruchthalle bei. Am Ende der Kaiserstraße ist schemenhaft ein Festungswerk zu erkennen (heute: Oranger Platz). Natürlich fehlt der 1901 anlässlich der Industrie- und Gewerbeausstellung errichtete Guido-Pfeiffer’sche Brunnen vor der Fruchthalle noch. Dafür ist ein kirchturmähnlicher, inzwischen verschwundener, gusseiserner Brunnen vor der heutigen Städtischen Galerie auszumachen.

Die raren CdV’s des Wilhelm Hanemann sind ein erhaltener dokumentarischer fotografischer Baustein auf dem Weg Rastatts in die gewandelte Gegenwart.

Bild: Vor etwa 150 Jahren griff der Rastatter Buchhändler Wilhelm Hanemann das neue Medium Foto auf und verlegte eine CdV-Serie, die heute den Wandel in der Stadt an der Murg demonstrieren kann.

Foto: Sammlung Wollenschneider

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