Grenzsperre, Grenzkontrollen, Warteschlangen an der deutsch-französischen Grenze

Ein Bericht von Dr.Irmgard Stamm

Corona weckt auch hier Erinnerungen an längst vergessene Zeiten. Nur die Ältesten unter uns werden noch wissen, dass der Rhein vor 75 Jahren unpassierbar war.
Nicht nur die Wintersdorfer Brücke war gesprengt, der Rhein war wieder Grenzfluß und das Elsaß in französischem Besitz.

Wintersdorfer Brücke

Das war nicht immer so gewesen, bekanntlich hatte Elsaß-Lothringen nach der Reichsgründung 1871 zu Deutschland gehört, ab 1919 wieder zu Frankreich und 1940 hatte das Dritte Reich das Gebiet zurückerobert. Die Reichsstatthalter Robert Wagner (für das Elsaß) und Josef Bürckel (Lothringen) wurden mit der „Eindeutschung“ der neuen Westgebiete beauftragt. Hierbei kam Baden eine besondere Bedeutung zu, Beamte wurden ausgetauscht und die Kontakte zwischen den Bewohnern hüben und drüben nahmen zu. Auch in Rastatt und Umgebung setzte ein reger Verkehr über die Brücken ein, die Beziehungen, die noch aus den 1920er Jahren während des Kleinen Grenzverkehrs entstanden waren, ließen sich leicht fortsetzen. Die Bauern der Riedgemeinden konnten wieder ihre linksrheinischen Wiesen bewirtschaften; diese Banngebiete waren durch den Versailler Vertrag abgeschnitten worden.

Vor allem aber fuhr man zum Einkaufen ins Elsaß; denn während das rechtsrheinische Deutschland auf Kriegswirtschaft umgestellt war, ließ man die Elsässer mit Gütern des täglichen Bedarfs ohne Bezugsscheine handeln, um sie deutschfreundlich zu stimmen. „Stoffe hat ́s gewe“ erinnerte sich eine Zeitzeugin „die Mädle wo älter warn, wo ihr Aussteuer ang ́schafft hawe, sin alle nach Hagenau.“ Andere fuhren mit dem Kinderwagen von Plittersdorf nach Seltz, um Kerzen, Salz, Margarine oder „e Stück Seif ́“ zu kaufen, Frontsoldaten auf Urlaub erhielten im Elsaß die doppelte Menge Zigaretten wie auf badischer Seite. Und mit der Bevorzugung wuchs auch der Neid. „Die singefüttert worre“ hieß es später über die Elsässer und „Die sin immer bei de Sieger“.

Allerdings gab es auch Verständnis für die Zerrissenheit der mal deutschen, mal französischen Nachbarn. Als am 25. August 1942 die Wehrpflicht auch für Elsaß-Lothringen eingeführt wurde, kamen die meisten Elsässer an die Ostfront und auf den Balkan, von wo ein Viertel nicht zurückkehrte. Es gab tragische Fälle wie den eines Elsässers, der in der französischen Zeit deutschfeindlich aufgewachsen war. „Dann kam ́40, und dann isch er zur deutsche Armee eingezoge worre nach Rußland.“ Sein Kamerad sei zu den Russen übergelaufen, er selbst habe es aber nicht fertiggebracht. „Da bin i nachher schwer verwundt worre, heimkomme, ausg ́heilt un dann bin i ́45 nomol Soldat worre gege die Deutsche.“ Weil er sich wegen Verwundung in der Heimat befand, als die Franzosen das Elsaß zurückeroberten, hatte derselbe Mann also an zwei Fronten zu kämpfen. Als es unsicher wurde, dass Deutschland den Krieg gewinnen würde, mußte der Rastatter OB „zur Stärkung des deutschen Elements“ Dienstkräfte ins Elsaß entsenden, die dort den Volkssturm organisieren sollten. Ab November 1944 führte das Näherrücken der Amerikaner, denen sich französische Divisionen anschlossen, zu einer Massenflucht von Deutschen über den Rhein. Auch viele Elsässer brachten sich rechtsrheinisch in Sicherheit. Das Elsaß wurde für 4-5 Monate zum Kampfgebiet.
Nun wurde auch der Westwall wieder in Betrieb genommen, der seit der französischen Niederlage 1940 ausgedient hatte und zum Teil demontiert war. Nach der alliierten Landung in der Normandie sollten die Westbefestigungen im „Vorhaben Sonne“ wieder instand gesetzt werden. Selbst Frauen und Jugendliche zog man zu Schanzarbeiten heran. Eine Zeitzeugin beklagte: „Sogar unser Hans hat drüwwe g ́schafft, die Buwe, 14 jährige hänn sich stelle müsse drause am Bahnhof…. Un da hänn se schippe misse, Schützegräwe, de ganze Rhein runner. Un da hat unser Hans ́s Rauche lerne, weil se nix zu esse ghatt hänn erscht. Die wurden zwar versorgt, aber zu wenig. Sechs Woche war er fort, kei Schul un nix.
“ Nach der Besetzung des Elsaß ab Dezember 1944 begann der Artilleriebeschuß von Rastatt, die Bahnverbindung Rastatt-Röschwoog wurde unterbrochen. Luftangriffe häuften sich und die Bewohner der Rheingemeinden trauten sich nicht auf ihre Felder. Viele suchten sogar ihre Gastfamilien im Schwäbischen wieder auf, bei denen sie zu Kriegsbeginn als Evakuierte, „Westwallzigeuner“, Aufnahme gefunden hatten. Die „Operation Nordwind“ vom Januar 1945 hattedas Gebiet von Bischwiller bis Lauterbourg kurzfristig wieder unter deutsche Truppenhoheit gebracht, doch bis zum 20.März 1945 brachten die Alliierten das linke Rheinufer unter ihre Kontrolle. Zuvor hatten badische Vokssturmmänner im Elsaß requiriert, was dem Feind nicht in die Hände fallen sollte. Ein Bewohner von Steinmauern erinnerte sich: „Von uns hüben sind Leute hinüber und haben denen die Stallungen leergemacht. Sämtliches Vieh, sämtliche Pferde…alle über die [Wintersdorfer] Brücke drüber, herüber ins Badische und dann rennen lassen in den Wald.“

Während die Bewohner Rastatts sich vor dem Einmarsch der feindlichen Truppen in Sicherheit brachten, Hitlerbilder von den Wänden nahmen und weiße Fahnen bereithielten, wurden die elsässischen Nachbarn von amerikanischen und französischen Truppen „befreit“. Im Laufe des April 1945 rückten französische Truppen in Baden ein (das BT berichtete). Damit endete das knapp fünfjährige nachbarschaftliche Intermezzo, der Rhein war so tief wie nie und trennte beide Ufer auch politisch.

„Nous sommes en guerre“, erklärte der französische Staatspräsident Macron kürzlich und meinte die Coronapandemie. Im Krieg von 1945 erlebten die Bewohner beider Rheinufer Ausgangssperren,fürchteten die Rache und Willkür der Feinde, Plünderung, Mißhandlung und Vergewaltigung. Werden noch Luftangriffe kommen, leben unsere Söhne, Brüder, Männer noch oder sind sie in Gefangenschaft geraten? Wohin mit Flüchtlingen, Ausgebombten, Verwundeten? Und haben wir genug zu essen?

Um diese Fragen sorgten sich die Menschen hierzulande vor 75 Jahren …. und nicht um Klopapier!

Rastatt, 20.4.2020
Dr.Irmgard Stamm

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