„Karzer“ als Strafe und Ehrensache

Hausgefängnis für Schüler vor 125 Jahren

Hausmeister war bezahlter „Kerkermeister“

Rastatt(rw). Wenn nun in den Tagen des Coronavirus so mancher Schüler sich seiner Bewegungsfreiheit beraubt sieht, so sei ein Rückblick ins 19. Jahrhundert erlaubt. Nicht nur an Universitäten, sondern auch an Gymnasien gab es ein Schülergefängnis, den „Karzer“ oder „Carcer“.  Dabei ging es für die Mittelschule (damals der Name für alle weiterführenden Schulen), wie es in den Bestimmungen hieß, um „die Schulzucht und die Aufrechterhaltung der Ordnung in der Schule“.

Auch im historischen Gebäude des Ludwig-Wilhelm-Gymnasiums (LWG) findet sich ein kleines, unscheinbares Zimmer im Erdgeschoss, das laut des LWG-Jubiläum-Magazins bei aller Beengtheit als Karzer diente. Auch der beschnitzte Karzerstuhl hat sich, streng behütet im Fundus einer Rastatter Pennälerverbindung, erhalten. Dass der Aufenthalt im „Schülergefängnis“ nicht nur Strafe sondern auch Kult war, davon zeugt eine im September 1897 von Rastatt nach Achern abgesandte Postkarte mit dem berühmten Heidelberger „Carcer“ als Motiv. Absender war Oskar Huber aus Oberachern, der später promovierte und 1907 Assessor wurde. Auch der Chronist Helmut Steigelmann berichtet, dass mancher Schüler mit dem Karzer des LWG Bekanntschaft machte und sich an der Wand mit Sprüchen und Bildern verewigte: So „Heute noch in stolzer Kneipe, morgen schon in Carcers Leibe.“

Im Rahmen der erwähnten „Schulzucht“ war in einer Verordnung für die Mittelschulen im Großherzogtum Baden zu lesen, darüber zu wachen, dass bei den Schülern „Ordnung, Fleiß, Gehorsam, Anstand und Sitte“ angesagt waren. Die Schule sollte auch dafür sorgen, dass die Schüler keine Wirts- und Kaffeehäuser besuchten, dem Spiel oder Trinken nachgingen. Die Mitgliedschaft in studentische Verbindungen, auch den Rastatter Schülerverbindungen, war verboten und wurde mit Karzer bestraft.

Seit 1869 war auch offiziell die körperliche Züchtigung (… selbst, wenn die Eltern solche ausdrücklich gestatten“) verboten.  Die Praxis sah da lange Jahrzehnte noch anders aus. Bei Verstößen gab es aber streng festgelegte Disziplinarstrafen, wie Absonderung im Lehrerzimmer, Verweise, Schularrest und „Die Karzerstrafe (Arrest hinter verschlossenen Türen)“.

Eine Bestrafung mit Karzer, beispielsweise nach unerlaubtem Wirtshausbesuch oder nach einer der beliebten Hausklingel-Partys erwischt zu werden, gab es nur für die drei Oberklassen. Diese angeordnet durch den Direktor nach dem Beschluss der Lehrerkonferenz. Die Dauer der Karzerstrafe dauerte je nach Beschluss zwei Stunden bis drei Tage. Während der Klassenlehrer in Zusammenarbeit mit dem Direktor den Vollzug der Strafe überwachte, war der „Kerkermeister“ laut Verordnung der Schuldiener. Dieser versorgte den Schülerhäftling, der dafür eine Karzergebühr, pro Tag bis zu 42 bis 84 Pfennig, zu entrichten hatte.

Blieb ein Schüler nach erfolgten Karzerstrafen uneinsichtig, so gab es als härteste Disziplin-Maßnahme die „Ausweisung“, d.h. den Verweis von der Schule. Karzer wurden jedenfalls unterschiedlich lang als erzieherische Maßnahme genutzt. Meist kam das Ende mit dem Ersten Weltkrieg, in der Weimarer Republik ab 1919.

Bild: Eine 1897 in Rastatt abgesandte Postkarte weist darauf hin, dass es bei Verstößen auch das Studenten-/Schülergefängnis, den „Karzer“, gab.

Foto/Sammlung: Wollenschneider

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